HARDY RICHARDAUTOR

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HARDY RICHARD · LESEPROBE

Der Archipirata

Kapitel 1 – Der Platz ohne Erinnerung

Paul stand inmitten der Münchner Fußgängerzone auf dem Marienplatz und überlegte, was er eigentlich hier wollte. Er sah auf das neue Rathaus mit seinem Glockenspiel, umringt von Touristen, die ebenfalls wie gebannt auf die Fassade starrten und dem etwas schräg klingenden Gebimmel, der Attraktion des Gemäuers, lauschten. Paul versuchte sich daran zu erinnern, warum er hier stand oder wie er hierhergekommen war. Aber so sehr er sich anstrengte – es wollte ihm einfach nicht einfallen.

Mit weit aufgerissenen Augen stand er wie gelähmt zwischen den Menschen, und ganz langsam, aber unaufhörlich, schienen sich alle Geräusche um ihn herum zu verstärken. Das anfangs noch leise Schlagen der Glocken entwickelte sich immer mehr zu einem lauten, ohrenbetäubenden Dröhnen, und auch das Geschnatter der Menschen war mit einem Mal so laut, dass Paul schwindelig wurde. Wo er vor einer Minute zwischen wenigen Touristen gestanden hatte, konnte er sich nun vor lauter Menschen weder vor- noch zurückbewegen. Paul begann zu taumeln. Immer dichter wurde das Gedränge um ihn herum.

Die Menschen, die vorher noch ganz normal an ihm vorbeizogen, blieben plötzlich stehen und starrten Paul an. Aber nicht wie normale Neugierige. Ihre Gesichter verzerrten sich zu Fratzen. Augen verschoben sich und wanderten, wild zuckend und blinzelnd, in den Gesichtern umher. Sie stierten ihn an, als ob sie ihm direkt in die Seele blicken wollten, um sein Geheimnis zu lüften, das er nun schon so lange mit sich herumschleppte.

Paul versuchte, den Blicken auszuweichen, und starrte auf den Boden. Doch auch hier sah er nur noch dämonische Gesichter, die ihn mit glühenden Augen anblickten. Panisch versuchte er, sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen, wusste aber nicht, wohin er laufen sollte. Er fing an, um sich zu schlagen, wollte die Erscheinungen aus dem Weg räumen und dem Getümmel entkommen. Doch je mehr er sich anstrengte, umso dichter wurde das Gewühl um ihn herum.

Der Boden begann sich wellenartig zu bewegen – erst ganz wenig, dann, sich weiter steigernd, immer mehr. Paul wankte, stolperte. Mit wild rudernden Armen versuchte er krampfhaft, sein Gleichgewicht zu halten. Er versuchte, den Boden unter sich mit den Augen zu fixieren, um ruhiger und sicherer zu werden. Da sah er, dass aus den Ritzen zwischen den Bodenplatten in Schwaden schwarzer Rauch drang, der ihm die Sicht und auch die Luft raubte. Der dunkle Nebel verdichtete sich immer weiter, bis alles um ihn in einem undurchdringlichen Schwarz eingehüllt war.

In Paul stieg Panik auf. Er spürte, dass ihm langsam die Luft knapp wurde und sein ganzer Körper, wie von tausenden Ameisen attackiert, zu kribbeln begann. Er wollte schreien, doch es gelang ihm nicht. Kein Laut wollte aus seinem Mund dringen. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Irgendwer oder etwas stieß ihn an. Er kam ins Straucheln und kippte vornüber zu Boden. Hart schlug er mit den Knien auf dem Pflaster auf, konnte sich aber zum Glück noch mit den Händen abstützen. Ein stechender Schmerz durchzuckte wie ein Blitz seinen Körper, doch seinen Stimmbändern wollte nicht einmal ein leises Stöhnen entweichen.

Plötzlich – Paul dachte, sein Herz würde stehenbleiben – hörte er eine schrille, kreischende Stimme in seinem Kopf: „Jetzt gehörst du mir, und nun werde ich nicht nur dich, sondern alles um dich herum vernichten. Dies ist erst der Anfang, aber glaube mir, am Ende wirst du darum betteln, endlich sterben zu dürfen!“

Paul wurde schlagartig bewusst, was gerade geschah. Syriel war wieder da. Sein größter Feind, den er, so dachte er zumindest, besiegt und von dem er gehofft hatte, endgültig losgeworden zu sein. Nur: Sein Wunsch ging offensichtlich nicht in Erfüllung. Syriel war zurückgekehrt – und er war in seinem Kopf. So glasklar wie die Luft an einem frischen Frühlingsmorgen. Und genauso klar spürte er die Präsenz seines Feindes, sodass er ihn fast greifen konnte.

Wie Paul selbst war Syriel ein Gedankenpirat. Aber einer, der schon seit Urzeiten existierte. Einer, der sich in andere Körper und deren Geist wie ein Parasit einnisten und diese übernehmen konnte – aber immer nur für einen endlichen Zeitraum. Dann wechselte er den Körper. Syriel benutzte diese Körper also dazu, um ewig leben zu können. Und er übernahm dabei vorwiegend andere Gedankenpiraten. Wenn sein Wirtkörper zu sterben drohte, dann übernahm er einfach einen neuen – so konnte er nicht nur im neuen Körper weiterleben, sondern auch dessen Talente gleich mitübernehmen. Syriel wollte schon einmal Paul besetzen, doch Paul hatte ihn mit der Hilfe seiner Freunde vertreiben können. Im Stillen hatte Paul gehofft, dass er ihn zerstört hatte. Aber tief in seinem Inneren wusste er, oder zumindest hatte er es immer vermutet, dass es nicht so war. Und jetzt kam der alte, böse Feind zurück und zeigte Paul deutlich und mit aller Macht, dass er stärker denn je war und er, ohne dass Paul etwas bemerkt hatte, in ihn eindringen konnte.

Doch so lautlos und unbemerkt, wie er ohne Vorwarnung Pauls Geist vernebelt hatte, genauso verschwand er auch wieder aus seinem Bewusstsein. Als ob jemand mit einem Ventilator den Kunstnebel in einer Diskothek wegblasen würde. So verschwand der schwarze Rauch und löste sich in Sekundenschnelle in Nichts auf. Und auch die ohrenbetäubenden Geräusche schienen schlagartig zu verstummen.

Paul kniete immer noch am Boden. Jedoch waren die Stimmen, die sich ihren Weg direkt in sein Gehirn bahnten, nicht mehr Syriels Gekreische. Ganz langsam verstand Paul nun auch den Inhalt. Und auch die Bilder in seinem Kopf wurden wieder klarer. Mit aufgerissenen Augen blickte er verstört in eine Gruppe japanischer Touristen, die schimpfend um ihn herumstanden. Ohne die Worte wirklich zu verstehen, waren die Gesichtsausdrücke und Gesten eindeutig. Einer, der direkt vor Paul stand, deutete immer wieder mit einer Hand auf sein Hemd, an dem mehrere Knöpfe fehlten und das in der Mitte zerrissen war. Auch andere Mitglieder der Reisegruppe hielten Paul zerfetzte Kleidungsstücke vor die Nase.

Ein älterer Herr trat aus der Gruppe vor, gab Paul die Hand und half ihm wieder auf die Beine. In gebrochenem Deutsch sagte er zu ihm, während er Pauls Hand noch festhielt: „Was war denn gerade mit Ihnen los? Warum haben Sie so um sich geschlagen und meine Freunde angegriffen? Wir haben Ihnen doch gar nichts getan?“

Paul sah sich verwirrt um. Langsam, aber wirklich nur ganz langsam, schaltete sich stetig sein Verstand wieder ein und holte ihn in die Realität zurück. Syriel hatte ihm Trugbilder in den Kopf gezaubert und Paul hatte in seiner Panik nicht die Gesichter, die ihn anstarrten, vertrieben, sondern die japanischen Touristen verprügelt.

„Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich leide unter einem seltenen Anfallsleiden, das zwar nur sehr selten auftritt, aber wenn es kommt, dann raubt es mir die Sinne. Ich komme natürlich für den Schaden auf“, krächzte Paul unterwürfig mit viel zu hoher Stimme. Dabei faltete er seine Hände und verneigte sich immer wieder vor dem älteren Herrn.

Der sah Paul, mit schräg geneigtem Kopf, ungläubig, aber auch mitleidig an. Paul drückte dem Mann eine Visitenkarte von sich in die Hand und meinte nur kleinlaut: „Schicken Sie mir bitte einfach eine Zusammenstellung Ihrer entstandenen Kosten zu, ich werde sie sofort begleichen.“

Der japanische Herr sah Paul eine Sekunde lang an, dann drehte er sich um und übersetzte der Gruppe, was Paul ihm gerade vorgeschlagen hatte. Für Paul hörten sich die Antworten erschreckend an. In aggressivem Tonfall diskutierten die Mitglieder der Gruppe laut, aber kurz, mit dem Übersetzer und deuteten dabei immer wieder auf ihre zerrissenen Kleider. Dann drehte der Mann sich wieder um und meinte im ruhigen Ton: „Wir sind einverstanden. Und ich soll Ihnen ausrichten, dass wir großes Mitleid mit Ihnen haben.“

So viel also zu interkulturellen Missverständnissen, dachte sich Paul. Kein Wunder, dass immer wieder Kriege entbrennen mussten, wenn man sah, wie schnell man das Verhalten einer anderen Kultur komplett fehldeuten konnte. Paul verbeugte sich tief vor der Gruppe und faltete dabei wieder seine Hände.

Als nun alles geklärt werden konnte, wandte Paul sich ab und marschierte, ohne Ziel, in die Fußgängerzone. Er wollte einfach nur weg, um in Ruhe nachdenken zu können. Kaum war er außer Sichtweite, setzte er sich an einen Tisch unter einem großen Kastanienbaum vor einer Gaststätte. Dort hatte der Inhaber einen Teil der Tische vor das Lokal in die Fußgängerzone gestellt, um einen Biergarten zu installieren.

Kaum hingesetzt, um etwas zur Ruhe zu kommen, klingelte sein Smartphone. Auf dem Display sah er „Schatz“ stehen. Er grinste und drückte auf die Annahme-Taste.

„Hallo, Paul, was ist los mit dir?“, hörte er Susanne besorgt sagen. „Ich warte hier schon die ganze Zeit auf dich. Wo bist du denn? Ist etwas passiert?“

Und jetzt dämmerte es Paul wieder, warum er in der Innenstadt war. Er wollte sich mit seiner Freundin Susanne treffen und beim Aussuchen für ein Kleid zur Hochzeit von ihren Freunden Angie und Josef dabei sein.

„Das muss ich dir nachher erzählen. Ich bin gleich bei dir“, antwortete Paul kurz.

Das war Susanne zwar eindeutig zu wenig an Informationen, dennoch gab sie sich fürs Erste damit zufrieden. Schließlich würde Paul ja gleich bei ihr sein und dann könnte sie den Rest auch noch aus ihm herausquetschen. Also gab sie nach und beendete das Gespräch.

Während des Telefonats hatte sich ein Kellner vor Paul aufgebaut, der eine Bestellung aufnehmen wollte. Paul winkte nur ab, stand auf und marschierte los zu dem Geschäft, in dem Susanne und er sich treffen wollten. Der Kellner rief etwas säuerlich noch hinterher: „Danke für die nette Unterhaltung“, doch zu mehr Konversation war Paul im Moment nicht imstande. Zu präsent war noch das gerade Erlebte. Zu klar waren die Bilder der Fratzen und die lauten Geräusche und die klirrende Stimme von Syriel.

Schon wenige Minuten später traf Paul in dem Geschäft ein, in dem er mit Susanne verabredet war. Der Laden gehörte nicht gerade zu den preiswertesten Geschäften Münchens, und Paul wusste aus Erfahrung, dass er hier nicht nur viel Zeit mitbringen musste. Susanne war dabei, mit einer Verkäuferin zu diskutieren, ob das grüne Kleid, das sie gerade probierte, nicht zu sehr ihre Hüften betonte. Doch als sie Paul durch die Türe kommen sah, unterbrach sie die Diskussion und lief zu ihm. Paul war immer noch kreidebleich im Gesicht. Susanne stellte sich besorgt vor ihn, sah ihn an und meinte: „Pauli, was ist denn los mit dir? Hast du ein Gespenst gesehen?“ Paul nickte und antwortete: „Du glaubst nicht, wie du gerade den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Aber jetzt lass uns erst dein Kleid aussuchen und dann erzähl’ ich dir alles. Also, das hier steht dir ganz wunderbar. Es betont so toll deine weiblichen Formen.“ Susanne sah Paul böse an. Der zuckte nur mit den Schultern und meinte trocken: „Was? Hab’ ich etwas Falsches gesagt?“ Susanne drehte sich um, und schon während sie zur Umkleidekabine lief, öffnete sie sich den Reißverschluss am Rücken des Kleides. Kaum war sie hinter dem Vorhang verschwunden, hörte man nur ihre Stimme: „Bringen Sie mir bitte das Blaue von vorher noch einmal!“ Die Verkäuferin, mit der Susanne vor Pauls Erscheinen noch gesprochen hatte, sah Paul herablassend an und marschierte, während sie ihren Kopf zur Seite drehte, haarscharf an ihm vorbei. Dabei grummelte sie still vor sich hin: „Und so etwas muss ich mir gefallen lassen. Die können sich das ja ohnehin nicht leisten.“ Was ist denn mit denen los? Dachte sich Paul, und im Stillen ärgerte er sich etwas darüber, dass er es heute wohl niemandem recht machen konnte. Und noch mehr ärgerte er sich über die freche Bemerkung der Verkäuferin.

Susanne war gerade dabei, sich das grüne Kleid ganz vom Körper zu streifen, als die Verkäuferin mit einem blauen Kleid über dem Arm, ohne etwas zu sagen, den Vorhang zur Seite schob und ihr das Kleid entgegenhielt. Dabei musterte sie Susanne, die nur im Slip und BH dastand, von oben bis unten und meinte nur süffisant: „Nett, was ich hier so sehe. Das könnte mir gefallen.“ „Paul!“, schrie Susanne, „hör sofort auf mit dem Mist. Du sollst so etwas nicht machen!“ Die Verkäuferin verzog nur ihren Mund und grinste Susanne frech an: „Aber es gefällt mir wirklich, was ich sehe.“ Unbeeindruckt entgegnete Susanne nur: „Jetzt gib die Verkäuferin wieder frei. Die benötige ich noch, sonst werden wir hier niemals fertig, und ich hab’ ohnehin schon keinen Nerv mehr.“ „Okay!“, war die knappe Antwort von Paul, der sich in die Verkäuferin eingeloggt hatte, um Susanne ein wenig aufzuheitern, was allerdings ordentlich nach hinten losging. Nur einen Wimpernschlag später war er wieder in seinem eigenen Körper, der auf einem Ledersofa in dem Geschäft saß, und vor sich hin stierte.

Die Verkäuferin stand für einen Moment regungslos da und war vollkommen perplex darüber, wie sie in die Kabine gekommen war. Kurz zuvor suchte sie doch gerade erst noch das Kleid? Und jetzt stand sie vor der fast nackten Kundin, starrte sie an und hielt ihr dabei ein Kleid entgegen. Verwirrt und beschämt drehte die Verkäuferin ihren Kopf zur Seite und stotterte nur: „Oh, entschuldigen Sie bitte vielmals, ich äh, ja äh, ich weiß gar nicht, wie …“

„Kein Problem, alles ist in bester Ordnung“, meinte Susanne beruhigend, nahm der Verkäuferin das Kleid ab und zog den Vorhang hinter sich wieder zu.

Paul saß mit einem breiten Grinsen auf dem Sofa und hatte einen diebischen Spaß dabei, wie er die Verkäuferin in Verlegenheit gebracht hatte. Aber trotz der netten Ablenkung sah er immer wieder die entsetzlichen Bilder vor Augen, als Syriel noch vor wenigen Minuten die Gewalt über seinen Körper übernommen hatte.

Nach knapp zwei weiteren Stunden hatte Susanne sich endlich für das lange, blaue Seidenkleid entschieden, das ihre schlanke Figur und die Farbe ihrer Augen betonte. Paul war froh, dass endlich eine Entscheidung gefallen war, und die Verkäuferin war offensichtlich mehr als erstaunt, dass Paul sich die knapp 3000 € für das Kleid leisten konnte. So waren alle zufrieden.

Noch während der Fahrt nach Hause wollte Susanne, die auf dem Beifahrersitz des Porsche Cayenne saß, wissen, warum Paul zu spät kam und was mit ihm los war.

Paul erzählte ihr, dass er eine Art Schwächeanfall gehabt hätte und er gedacht hätte, er habe die Stimme von Syriel gehört. „Aber sicher war es nur Einbildung“, fügte er hinzu.

Susanne warf Paul einen besorgten Blick zu und meinte dann in einem liebevollen Ton, wie ihn normalerweise nur eine fürsorgliche Mutter anschlägt, die merkt, dass ihr Kind ein Problem hat: „Und was denkst du wirklich?“

Paul drehte sich für einen Moment zu Susanne, blickte in ihre wundervollen blauen Augen und meinte: „Ich weiß es nicht. Es war alles sehr mysteriös und ich habe Angst, dass es tatsächlich Syriel war, der wieder zu Kräften gekommen ist. Dann hätten wir ein echtes Problem.“ „Vielleicht sollten wir nach der Hochzeit mit Rowena darüber reden“, schlug Susanne vor.

Paul nickte nur stumm und bog in die Auffahrt zu ihrem Anwesen ab.

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